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Die Kryptowährung Libra – Facebooks Angriff auf das (Zentral-) Bankensystem

Mit der Veröffentlichung des White Papers zu den Plänen, eine eigene Kryptowährung zu schaffen, hat Facebook starke Reaktionen hervorgerufen. Wie das Handelsblatt berichtet, äußerten sich Politiker vor allem skeptisch bis besorgt. Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire erklärte, die Privatwährung Libra dürfe keinesfalls eine souveräne (staatliche) Währung werden. Markus Ferber (CSU), Mitglied im EU-Parlament, warnt, Facebook könne zur „Schattenbank“ werden. Regulierungsbehörden müssten in höchste Alarmbereitschaft versetzt werden.

In Anbetracht der Tatsache, dass nach aktuellen Zahlen 2,7 Mrd. Menschen Facebook, Instagram, WhatsApp oder den Messenger nutzen, ist die Aufregung über die angekündigte Digitalwährung aufgrund der Größe und des weltweiten Kundenzugangs von Facebook und Co. nachvollziehbar.

Facebook sieht sich als Problemlöser

Tatsächlich greift Facebook ein ganz wesentliches Problem auf, das es lösen möchte: 1,7 Mrd. Menschen verfügen weltweit über kein Bankkonto und sind vom herkömmlichen Finanzsystem abgeschnitten. Kreditaufnahmen, das Tätigen von Überweisungen (gerade über Ländergrenzen hinweg), aber auch die Möglichkeit, Gelder zu investieren, ist für viele Menschen schwierig, teuer oder gar unmöglich. Dies ist nicht ausschließlich, aber ganz überwiegend ein Problem von Entwicklungs- und Schwellenländern. Als „Internet des Geldes“ soll der Facebook-Coin weltweit und von jedem mit Zugang zum Internet eingesetzt werden können, und so Zahlungsvorgänge global ermöglichen bzw. vereinfachen. Dies geschieht ohne Intermediäre unmittelbar zwischen dem Sender und Empfänger der Coins. Das setzt natürlich voraus, dass viele Menschen Libra auch als Zahlungsmittel akzeptierten, was in Anbetracht der Größe von Facebook, ihres Netzwerks und der Zahl ihrer User nicht schwer vorstellbar ist.

… und wird zum Problem für Etablierte

Für herkömmliche Zahlungsabwickler, die heute Zahlungsvorgänge ermöglichen oder Kreditkarten herausgeben bzw. die technische Abwicklung übernehmen, kann dies zum Problem werden. Im System der Bezahlung mit Kryptowährungen, in dem Coins per Smartphone direkt zwischen den Parteien übermittelt werden, sind sie überflüssig. Zahlungsdienstleister wie Mastercard, Visa, Paypal und Stripe haben das erkannt und gehören zu den Gründungsmitgliedern der sog. Libra Association (dazu gleich mehr). Dass im Zahlungsverkehr sehr viel Geld verdient wird, bestätigt beispielsweise Wirecard eindrucksvoll. Die Pläne um den Libra dürften daher auch nur vordergründig altruistisch sein, zumal es Facebook vor allem um weitere Daten ihrer Kunden gehen dürfte. So könnte das Bezahlen beim Online-Shopping mit Libra Facebook wichtige Informationen über das Kaufverhalten ihrer Kunden liefern, das sich wiederum durch Werbeanzeigen monetarisieren lässt.

Libra ähnelt staatlichen „Zentralwährungen“

Anders als bestehende Kryptowährungen wie Bitcoin, Ether und Co., die sich bislang nicht als echte Alternative zu herkömmlichen Währungen im Zahlungsverkehr durchsetzen konnten, soll dem Libra ein „intrinsischer Wert“ verliehen werden. Um die Kurs-Volatilität deutlich zu verringern, soll der Libra durch eine Währungsreserve (Libra-Reserve) gestützt werden, die aus Einlagen und kurzfristigen Staatsanleihen besteht. Im Unterschied zu Stable Coins ist der Libra aber nicht an eine bestimmte (einzelne) Währung gekoppelt. Der Wechselkurs in staatliche Währungen könne daher in Abhängigkeit von der Wertentwicklung der Libra-Reserve schwanken, die Volatilität sei aufgrund der ausgewählten Vermögenswerte jedoch gering. Die dadurch geschaffene Preisstabilität soll Vertrauen der Nutzer in den langfristigen Wert des Libra herstellen. Dieses System ähnelt dem der Einführung staatlicher Währungen, bei denen Notenbanken (Zentralbanken) garantierten, dass von ihnen ausgegebene Banknoten gegen Gold eingetauscht werden können (Goldstandard). So war es Aufgabe der Zentralbanken, die entsprechenden Goldreserven vorzuhalten, um Einlöseverpflichtungen aus herausgegebenen Banknoten nachkommen zu können.

Die Libra-Reserve soll durch die „unabhängige“ Libra Association, eine nicht gewinnorientierte, gemeinnützige Mitgliederorganisation mit Sitz in der Schweiz verwaltet werden. Der Libra Association obliegt die Steuerung des Netzwerks und der Betrieb der Blockchain. Nur die Libra Association ist berechtigt, neue Libra zu schaffen oder Coins zu „burnen“. Sog. „autorisierte Wiederverkäufer“ könnten jederzeit Libra zu einem bestimmten Preis an die Association verkaufen. Damit fungiert die Libra Association wie eine Zentralbank, wobei allerdings neue Coins nur dann geschaffen werden sollen, wenn diese durch die Wiederverkäufer mit genügend Zahlungsmitteln gekauft werden. Obwohl die Libra Association aus mehreren Mitgliedern besteht, wird Facebook jedenfalls zu Beginn eine zentrale Rolle übernehmen. Der eher zentralistische Antritt zeigt sich auch in der gewählten permissioned Blockchain, d.h. der Zugang zum Betreiben einer Node wird auf bestimmte Teilnehmer beschränkt und steht nicht jedermann offen.

Kryptowährungen werden sich etablieren

Die Intention von Facebook zur Einführung des Libra kann man kritisch hinterfragen. Diskussionswürdig ist vor allem die überragende Rolle von Facebook in dem geplanten Netzwerk und der wenig dezentrale Ansatz. Die Vision von Facebook ist jedoch gigantisch und könnte den heutigen Zahlungsverkehr grundlegend verändern. Der Libra fordert bestehende staatliche Strukturen heraus, wird sich dabei am Ende dennoch im vorhandenen regulatorischen Rahmen bewegen müssen. Im deutschen bzw. europäischen Rechtsrahmen stellt sich dabei vor allem die Frage nach der aufsichtsrechtlichen Einordnung des Libra. Denkbar ist eine Qualifizierung als E-Geld (§ 1 Abs. 2 Satz 3 ZAG), Rechnungseinheit (§ 1 Abs. 11 Satz 1 Nr. 7 KWG) oder Kryptowert, ein nach den Plänen des Bundesfinanzministeriums voraussichtlich ab Januar 2020 neuer Tatbestand eines Finanzinstruments.

All diejenigen, die bereits seit langer Zeit „vorhersagen“, dass Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie sich zukünftig weiter etablieren werden, dürfen sich jedenfalls bestätigt fühlen. Die Entwicklung steht noch am Anfang. Die Veränderungen werden nicht nur den Zahlungsverkehr und Investmentmöglichkeiten (z.B. über ICOs und STOs) betreffen, sondern alle Lebensbereiche. So setzt IBM Food Trust die Blockchain-Technologie schon heute ein, um in der Nahrungsmittelversorgungskette mehr Transparenz zu schaffen. Die Überlegungen, Blockchain-Technologie im deutschen Gesundheitswesen zu etablieren, sind auch nicht mehr ganz neu. Wer nicht abgehängt werden möchte, sollte jetzt anfangen, sich mit den Möglichkeiten der Technologie für das eigene Geschäftsmodell zu befassen. Dabei geht es auch darum, die eigene Rolle in neuen Systemen zu definieren und aufzuzeigen, weshalb die angebotenen Dienstleistungen auch weiterhin ihren (zu bezahlenden) Mehrwert besitzen, bzw. alternativ neue Dienstleistungen zu entwickeln.

 

 

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